#Homeschooling

In Krisen zeigt sich, wie gut ein System wirklich funktioniert. Bei unserem Bildungssystem sieht es offensichtlich ganz schlecht aus. Ein Beitrag über die nicht vorhandene digitale Schule.

„Mama, kannst du mir mal bitte bei den Aufgaben helfen?“ heißt es vermutlich zur Zeit in vielen Familien. Eltern stehen aktuell aufgrund geschlossener Kindertagesstätten und Schulen unter besonderem Druck: sie müssen Arbeit, Haushalt und Kindererziehung übernehmen und zusätzlich noch Lehrer*innen spielen. Das liegt an einer desaströsen digitalen Infrastruktur im Bildungsbereich und mangelnde digitale Kompetenz vieler Lehrkräfte. Dabei kann man diesen oftmals gar nicht viel vorwerfen, weil das Thema E-Learning und mediengestützte Lehre bisher nicht so eine große Rolle gespielt hat wie jetzt. Aus dem Leben einer Lehramtsstudentin kann ich berichten: selbst in der Ausbildung angehender Lehrkräfte wurde dieser Bereich bisher recht stiefmütterlich behandelt, zumindest bin ich in meinem Studium in acht Semestern bisher weder im didaktischen noch im erziehungswissenschaftlichen Bereich wirklich mit Konzepten mediengestützter Lehre in Kontakt gekommen.

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„E-Learning…hä?? Haben wir doch schon! Mein Kind bekommt ja die Aufgaben per Mail“, werden vielleicht jetzt einige denken. Ja, Homeschooling kann auch zum Teil digital passieren, aber es gibt einige Probleme, wenn E-Learning nur heißt, dass Aufgaben per Mail verschickt oder auf einer Online-Plattform zugänglich gemacht werden. Wie viele Eltern sicher leidvoll erfahren mussten, bedeutet diese rudimentäre Form des E-Learnings für sie viel Unterstützung ihrer Kinder beim Lernen, weil ihnen die Unterstützung durch die Lehrkräfte fehlt. Dabei wäre dies mit Video-Konferenztools oder richtigen Onlinekursen, in den Schüler*innen direkt angeleitet werden, rein technisch sogar möglich. Leider hat es die Bundesrepublik in den letzten Jahren regelrecht verschlafen, ihre Jüngsten und ihre Lehrkräfte für die digitale Welt fit zu machen. So fehlt es einerseits oftmals an der entsprechenden Hard- und Software und einer schnellen Internetanbindung; andererseits mangelt es an digitaler Kompetenz, d.h. den sicheren Umgang mit digitalen Medien. Klar kann mittlerweile fast jede*r Whatsapp bedienen, aber über Datenschutz machen sich dabei die wenigsten Gedanken. Dazu kommt, dass die digitale Welt ganz andere Formen des Lernens und Lehrens erfordert.

Doch anstatt im nächsten Bahnhof eine Generalüberholung im Turbo-Modus zu vollziehen, um Eltern nicht die letzten Nerven zu rauben und unseren Kindern während Corona wenigstens überhaupt richtige Bildung zu ermöglichen (von der Qualität reden wir dabei gar nicht), rollt der Schlafwagen „Bildungssystem“ einfach weiter. Dabei werden vor allem die abgehängt, die ohnehin schon in Sachen Bildung schlecht dastehen – denn ihre Eltern können sie beim Homeschooling nicht so sehr unterstützen wie diejenigen, die selbst einen höheren Bildungsgrad haben. Deswegen gilt während Corona noch viel mehr: „wo du herkommst, wirst du hingehen“. Ist hier nicht irgendwo von gleichen Chancen die Rede?

Naja, offensichtlich nicht in Deutschland. Hier wird weiter am Polylux festgehalten, der jedoch aktuell gar nicht einsetzbar ist. Stattdessen werden – wenn überhaupt! – Wiederholungsaufgaben per Mail verschickt oder auf der Schulwebsite veröffentlicht und Eltern können anschließend zusehen, wie sie die mit ihren Kleinen lösen. Bei den älteren Klassenstufen mag das ja noch gehen, aber auch hier kann es passieren, dass Schüler*innen Unterstützung brauchen. Schlechter geht Bildung kaum.

An alle Lehrer*innen möchte ich an dieser Stelle appellieren: Helft euren Schützlingen bitte, so gut es nur geht. Sie brauchen euch! Und an alle, die sich in einer Position befinden, wo sie die digitale Schule möglich machen könnten: Wacht endlich auf! Unser Bildungssystem kennt keine fairen oder gleichen Chancen – schon vor Corona nicht und jetzt erst recht nicht. Machen wir Bildung besser!

Eltern sind vielfach keine Lehrkräfte – zwingen wir sie nicht, welche zu sein!

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