Neuland

In ungefähr einer Woche geht an vielen Universitäten die Vorlesungszeit des digitalen Semesters los. Gemeinsam mit Dr. Jennifer Koch (Friedrich-Schiller-Universität Jena und Bauhaus Universität Weimar) habe ich über die Herausforderungen für Dozierende gesprochen.

Sophie: Hallo Jennifer, du bist Dozentin für Ältere Deutsche Literatur an der Universität Jena und koordinierst gleichzeitig das eTEACH Netzwerk Thüringen. In ungefähr einer Woche startet die Vorlesungszeit des digitalen Semesters. Fühlst du dich gut vorbereitet?

Jennifer: Jein. Also einerseits schon, weil ich durch viele Workshops gelernt habe, wie Online-Lehre geht. Andererseits machen wir ein Online-Semester ja auch zum ersten Mal. Man weiß wirklich nicht, was auf einen zukommt und ein reines Online-Semester ist für uns alle ja absolutes Neuland, auch für die Studierenden. Da besteht für mich auch eine ganz große Unbekannte, weil ich überhaupt nicht einschätzen kann, wie meine Studierenden zurechtkommen: ob das für sie eine sehr große Hürde ist, ob sie sich da gut einfinden und wie schwer es ihnen fällt, ihr Studium auf diese Art und Weise durchzuführen.

Also geht es auch darum, eine Hemmschwelle abzubauen, weil die meisten zwar mit Moodle (die E-Learning-Plattform der Uni Jena) schon in Kontakt gekommen sind, aber trotzdem vieles noch nicht kennengelernt haben und mit Konferenztools möglicherweise auch noch nicht wirklich vertraut sind.

Naja die Studierenden sind, was E-Learning anbelangt, ganz unterschiedlich sozialisiert. Ich glaube, das hängt auch vom bisherigen Einsatz von mediengestützter Lehre in den jeweiligen Fachbereichen ab: manche haben schon sehr viel gemacht, andere noch gar nichts. Also sind sie darin unglaublich heterogen – manche stehen zum Beispiel mit Moodle auf Kriegsfuß, während andere gut klarkommen. Außerdem habe alle einen unterschiedlichen Schwerpunkt: einige haben schon verstärkt mit Konferenztools gearbeitet, andere haben eher Erfahrung mit Videos, aber eine gemeinsame Schnittmenge, einen gemeinsamen Nenner, gibt es eigentlich nicht. Genau das muss man bei der Planung seiner Lehrveranstaltung unbedingt mit bedenken, damit man die Studierenden nicht überfordert.

Dr. Jennifer Koch ist Dozentin für Ältere Deutsche Literatur an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und beschäftigt sich darüber hinaus viel mit digitalen Lern- und Lehrformaten. 2018 bekam sie ein Fellowship vom Stifterverband und dem Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesellschaft und hat damit MiO, einen Onlinekurs für die Aussprache und Übersetzung des Mittelhochdeutschen entwickelt. Seit Anfang 2020 ist sie auch Projektkoordinatorin des eTEACH Netzwerks Thüringen, das an der Bauhaus-Universität Weimar angesiedelt ist.

Und ich glaube, dass wir Lehrenden die Bearbeitungsdauer für die Aufgabenpakete der asyncrhonen Formaten schwer einschätzen können, weil wir keinen Einblick in die Situation der Studierenden Zuhause haben, wir sehen die Belastung nicht, die aufgrund der besonderen Situation jetzt vielleicht drei Mal stärker ist. Und da ich nicht weiß, wie gut dieses digitale Semester funktioniert, muss ich mich jetzt doppelt und dreifach vorbereiten und gehe verschiedene Pläne durch. In der normalen Präsenzlehre sagst du dir: „Okay, das AudienceResponseTool geht nicht, dann alle bitte mal die Hände zur Abstimmung heben.“ Da hat man eine Ausweichmöglichkeit auf „analoge Tools“, aber die gibt es jetzt nicht mehr. Alle Probleme, die online auftreten, muss man auch wieder online lösen und das wird echt spannend.

Als Dozentin stehst du jetzt also unter anderem vor der Herausforderung, dass du einerseits die persönliche Situation der Studierenden unglaublich schwer einschätzen kannst; andererseits weißt du aber, dass die Vorkenntnisse, was den Umgang mit den digitalen Tools anbelangt, sehr unterschiedlich sind.

Ja genau, und dann kommt noch dazu, dass ja niemand von uns zuvor alles online gemacht hat und gar nicht daran gewöhnt ist, dass es keine direkte persönliche Interaktion gibt. Allein in der Kommunikation während eines Online-Seminars hat keiner von uns Erfahrung und es ist nun mal nicht die gleiche Kommunikation wie in einer normalen Präsenzveranstaltung. Für beide Seiten ist es, denke ich, völliges Neuland. Da fehlt das Zwischenmenschliche. Ich kann in einem Präsenzseminar viel besser einschätzen, ob eine Aufgabe verstanden wurde, als wenn ich sie in einem Moodle-Raum einstelle – dort sehe ich überhaupt nicht, wo Schwierigkeiten auftreten. Dann besteht das Problem der schriftlichen Kommunikation: man muss in der Online-Lehre alles noch viel klarer ausdrücken, Aufgaben müssen viel konkreter formuliert werden, die Vorgehensweise musst du dir ganz genau und ganz kleinschrittig überlegen. Für mich ist das eine große Herausforderung. Am Ende tut sich immer irgendein Problem auf, was man vorher nicht bedacht hat. Wäre jetzt also noch mehr Zeit für die Vorbereitung eines Online-Semesters gewesen, könnten wir qualitativ noch viel mehr Tolles und Gutes machen, denn mit E-Learning ist unglaublich viel Spannendes möglich.

Das verstehe ich. Aber meine Generation lebt ja quasi im Internet und interagiert – auch ohne pandemiebedingter Ausgangsbeschränkungen – vermutlich mehr online als offline. Warum glaubst du, dass der Mangel an Zwischenmenschlichkeit ein Problem ist?

Gerade ein Studium lebt ja auch davon, dass Studierende und Dozierende miteinander interagieren. Sie treten gemeinsam in ein Gespräch und begeben sich in jedem Semester gemeinsam auf die Reise in ein neues Fachgebiet oder in ein neues Thema und jetzt müssen wir diese Reise in gewisser Weise unabhängig voneinander auf ganz unterschiedlichen Wegen absolvieren. Auf 2 Wegen quasi, die sich eben nur ab und zu mal treffen und dann beides zusammenführen. Ich bin mir wirklich unsicher, ob diese Zusammenführung auch wirklich klappt. Sie kann funktionieren und ich glaube auch, dass die Online-Lehre viel leisten kann, aber dennoch wird es für alle eine große Herausforderung.

Ich bin sehr gespannt. Welche Tipps kannst du Studierenden und Dozierenden für dieses Semester geben?

Man muss nicht immer das Kaninchen aus dem Hut heraus zaubern und zigtausend Tools verwenden – man kann auch ganz einfach Online-Lehre über E-Mailverkehr abhalten. Ich glaube auch, dass man das Semester gerade dann gut gestalten kann, wenn Dozierende und Studierende anfangen, sich gegenseitig zu unterstützen. Uns Lehrenden ist schon viel geholfen, wenn die Studierenden mit uns reden und sagen, wenn es Probleme gibt oder wenn sie sich bspw. im moodle Forum einbringen, auch wenn sie das eigentlich nicht ausstehen können oder indem sie kleine Aufgaben übernehmen, und wenn es nur die Moderation des Gruppenchats ist, der in vielen Online-Konferenztools genutzt wird.

Wir sind also in dieser Ausnahmesituation mehr denn je auf die Kommunikation und das Miteinander angewiesen. Wir Lehrenden versuchen, viel zu ermöglichen und die Studierenden können uns sehr dabei unterstützen. Und ich glaube, das ist irgendwie auch eine schöne Möglichkeit, enger zusammenzurücken und endlich auch mal die Lehrveranstaltungen wirklich gemeinsam zu gestalten.

Ich kann daher Studierende nur ermutigen, auf Ihre Dozierenden zuzugehen und vielleicht auch mal ihre Hilfe anzubieten. Bei uns in der ÄDL haben Studierende genau das gemacht und sie haben damit gezeigt, dass sie gar nicht erwarten, dass wir alles perfekt umsetzen und dass ihnen bewusst ist, was wir da gerade leisten. Das macht Mut und ich glaube, in der gegenseitigen Unterstützung und Wertschätzung liegt der Schlüssel, wie wir das Online-Semester richtig gut schaffen könnten.

Also wäre das Motto für dieses Semester: enger zusammenrücken, miteinander reden und gegenseitig helfen. #solidarsemester

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Sina sagt:

    Ja bitte kein Häschen aus’m Hut liebe Jennifer. Freu mich schon riesig auf das Seminar. Ich versuche mich auch mit Moodle anzufreunden. LG

    Gefällt mir

    1. Jennifer sagt:

      Oha, da kann ich meine ganze Planung ja vergessen. 😂😂😂
      Und moodle knacken wir gemeinsam! 💪

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s